Montag, 21. November 2016

Fettlogik überwinden. Teil 5: Zwischenbilanz nach 7 Wochen.

Sieben Wochen ist es her, seit ich mit dem regelmäßigen Kalorienzählen angefangen habe. Da ich immer noch nicht das Gefühl habe, mich einzuschränken, nenne ich es eigentlich nicht Diät. Ich esse ja alles - und schreibe es auf.
Es gab allerdings mehrere Ausnahmen, und zwar immer an den Wochenenden: 1 Taufe, 1 Hochzeit, 1 Geburtstag wurden auswärtig gefeiert, sodass ich von meiner Waage abgeschnitten war und wirklich nur hätte schätzen können. An einem 4. Termin luden wir zum Gänseessen, sodass ich immerhin über Zutaten und Zusammensetzung Kontrolle hatte, aber ebenfalls nicht abwiegen konnte/wollte.
An allen anderen Tagen habe ich brav aufgeschrieben und es eigentlich immer geschafft, wie angestrebt maximal 80% des von fddb errechneten GRUNDumsatzes einzuhalten. Etwa 3 Mal habe ich "überzogen" - etwa 83%, nicht mehr. Dabei geht die App von einer "leichten", überwiegend sitzenden Tätigkeit aus. Wenn ich das Baby 1 Std durch den Park schiebe, oder in der Trage habe, oder Hausarbeit mache, einkaufe oder eben auch der wöchentliche Sport, so ist das nach meinem Verständnis dabei nicht eingerechnet und könnte daher noch zusätzlich als "Bonus" eingespart werden. Genaue Zahlen weiß ich aber nicht und rechne daher auch nicht damit. Ich gehe aber davon aus, dass dieser "Bonus" die drei undokumentierten Sonntage aufwiegt (also mindestens +-0), denn dort habe ich ja auch nicht gevöllt - nur nicht aufgeschrieben.

Beim FLÜ-Fanclub habe ich mich immer gewundert, was gemeint war, wenn über die "wiedererlangte Kontrolle" gejubelt wurde. Das verstehe ich jetzt etwas besser: Tatsächlich bin ich an manchen Tagen überrascht, was ich alles essen konnte, ohne in den roten Bereich abzurutschen. So habe ich neulich einmal Mittags (selbstgemachte) Kässpätzle gegessen und nachmittags zwei Stück gedeckten Apfelkuchen neben "normalem" Frühstücksmüsli und Abendbrot - und hatte dennoch noch ein Defizit. Hätte ich nicht gedacht. Hier bietet das Abwiegen tatsächlich enorme Kontrolle und gibt Sicherheit. Andersherum verliert mein Lieblingssnack - selbstgeröstete und aromatisierte Mandeln - enorm an Attraktivität, wenn man vorgerechnet bekommt, wieviel Kalorien die haben... ich dachte ja immer, Naturprodukte sind besser als industrialisierte Lebensmittel, aber im Zweifel ist der gekaufte Schokoriegel kalorienärmer...

Wie ist es mir mit den selbst gestellten Regeln gegangen?
1. Eiweiß - klappt, wenn ich drauf achte. Wenn nicht, kann es immer noch viel zu wenig sein (=20-40g finde ich zu wenig. Angestrebt sind 100-120g.)
2. Wasser - klappt immer noch nicht gut. (Zum Beispiel habe ich seit 40 Minuten Durst, schreibe aber diesen Post, statt etwas zu trinken. Dabei ginge theoretisch beides...)
3. nur die 6 Mahlzeiten in der App - klappt ganz gut.
4. 80% vom Grundumsatz klappt.
5. Wiegen - hmpf. Ist Kopfsache, ich weiß, aber meine Waage zeigt je nach Fliese, auf der sie steht, bis zu 1200g unterschiedliche Gewichte an. Das ist wenig befriedigend, zumal vor dem Hintergrund, dass ich Medikamente nehme, die Wassereinlagerungen begünstigen... Laut Ernährungstagebuch habe ich in 7 Wochen also etwa 28.000 kcal eingespart, das entspricht etwa 4kg Abnahme - die Waage, zeigt aber nur etwa 1,8 kg an - manchmal weniger. Das ist doof.

Wie es weiter geht:
1. Da ich dennoch das Gefühl habe, dass meine Hosen weiter werden, werde ich mich aber weiter an die "Aussage" der Kalorienbilanz halten. Und wohl eine neue Waage kaufen.
2. Außerdem bietet die App die Möglichkeit, einen Nährstoffplaner zu programmieren, der dabei hilft, genug Makro- oder auch Mikronährstoffe aufzunehmen. Ich fange mit den Makronährstoffen an - Kohlehydrate, Proteine und Fette - und orientiere mich an den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.
Quelle: http://www.ernaehrung.de/tipps/allgemeine_infos/ernaehr13.php
Allerdings verschiebe ich 5% von Fett nach Eiweiß (55% KH/ 25% F/ 20% E). Einerseits will ich ja mein Eiweiß erhöhen, und so komme ich auf 123g (statt 92,4 g), andererseits will ich im Rahmen der hier unter Punkt 5 eigentlich empfohlenen 60-80g Fett bleiben (beim jetzigen Gewicht sind 25%  = 67,9 g statt 30% = 81,5g)... 
Auf diese Weise hoffe ich, meine Ernährung noch optimieren zu können. Einsparen sollte ich vor allem Kohlehydrate, auf das Fett sollte ich achten, aber zw. 60 und 80g ist ok, den Proteinwert möchte ich aber möglichst erreichen. 

Wie man sieht, kann ich hier noch einiges verbessern... (Heute gab es keinen Quark. Dafür war "Zucker" ziemlich gut.)


3. Außerdem steht die Weihnachtszeit vor der Tür. Das ist ja eine besondere Herausforderung. Ich habe mir daher vorgenommen, dieses Jahr nicht selbst zu backen, denn hier besteht große Gefahr, in die Naschfalle zu tappen - schon roher Teig muss ja stets fortlaufend auf Qualität kontrolliert werden... Außerdem habe ich ein 6 Monate altes Baby, und wirklich besseres vor. Dafür werde ich gezielt Stollen, Lebkuchen und Spekulatius kaufen, denn hier steht auf der Packung genau, was drin ist - und die Produkte sind in der fddb-Datenbank und daher leicht zu notieren. So sollte ich gut durch die Adventszeit kommen.
Bis Jahresende werde ich auf jeden Fall so weitermachen.

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:
Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.
Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.
Teil 3: Das Buch lesen.
Teil 4: Fettlogik überwinden. 
Teil 4: Vom Lesen zum Handeln.

Dienstag, 11. Oktober 2016

Fettlogik überwinden. Teil 4: Vom Lesen zum Handeln.

Während ich im Buch herumlas, habe ich mir, rein interessehalber, ein fddb-Konto angelegt und eine Woche lang ein Ernährungstagebuch geführt. Gar nicht so sehr, um sofort eine Diät anzufangen, sondern um einfach einmal zu sehen, was ich eigentlich tagtäglich so an Kalorien aufnehme und mit den Hinweisen zu vergleichen, die ich im Buch gefunden habe.
Und siehe da - selbst wenn ich im Feld für "Aktivitäten"  nichts eintrage (also keine "Bonuskalorien") zur Verfügung habe - bleibe ich locker etwa 300-500 kcal unter meinem von fddb vorgeschlagenen Soll. Tatsächlich habe ich seit der Geburt meines Sohnes weiter abgenommen - nicht rasend schnell, aber doch etwa 5 kg in 4 Monaten, eine deutliche Tendenz.
Natürlich verändert die Beobachtung auch den Beobachter - will sagen, wenn man jede Weintraube, die man sich nebenbei in den Mund steckt, aufschreiben müsste, überlegt man es sich eben zweimal, ob man sie isst, schlichtweg, weil es sonst wahnsinnig mühsam wäre. Ich habe also in der "Testwoche" im August, in der ich meine Ernährung getrackt habe, nicht unbedingt anders ernährt oder gekocht als sonst. Ich habe aber weniger genascht- und komme daher zu dem Schluss, dass ich mit einer Abnahme sogar schon viel weiter sein könnte, wenn ich genauer darauf achten würde, was und wieviel ich esse.
Interessant fand ich vor allem die grafische Darstellung der Makro-Nährstoffverteilung (Kohlehydrate, Fett, Eiweiß) in der App. Hier wurde sofort deutlich, dass ich mich zwar fettarm und abwechslungsreich ernähre, aber insgesamt viel zu wenig Eiweiß aufnehme.

Die App ist IMHO übersichtlicher als die Desktop-Version

Richtwert ist angeblich ein Minimum von 0,8 g pro kg Körpergewicht. Das ist ein Wert, denn ich locker erreichen würde - wenn ich ein gesundes Normalgewicht hätte. Habe ich aber nicht.
Wer abnehmen möchte, oder viel Kraftsport macht, sollte sogar 2-3g pro kg Körpergewicht an Proteinen aufnehmen. Das entspräche in meinem Fall etwa 250g Protein. Als Käsevermeiderin und wenig-Fleisch-Esserin ist das für mich fast nicht zu schaffen.
Meine erste Reaktion war also, mir ein Eiweißpulver und jede Menge Skyr zu besorgen. Das Pulver trinke ich nicht als Shake (könnte man natürlich auch machen) sondern rühre es mir ins Müsli oder den Quark, den ich nun versuche, täglich zu essen. Wenn ich so darauf achte, komme ich schon auf über 100g Eiweiß/Tag, rund ein Drittel meiner Kalorienaufnahme. Da geht noch mehr.
[Edit: Viele freundliche Kommentare v. a. auf Twitter haben mich darauf hingewiesen, dass der Eiweißanteil der Ernährung sich auf das NORMALgewicht bezieht - hier hatte ich offenbar etwas falsch verstanden, danke für die Aufklärung! Dennoch brauche ich den Quark, bzw. die Achtsamkeit und die App, um auf die ca. 2% zu kommen, die während einer Abnahme empfohlen werden. Sonst bleibe ich auch mal unter 60g. Ich strebe zur Zeit zwischen 100 und 120g/Tag an.]
Allerdings ging mir die Abwiegerei auch schon nach einer Woche ziemlich auf den Nerv. Da ich viel frisch koche und abwechslungsreich improvisiere, ist das Tagebuchführen nämlich umständlicher, als wenn man einfach nur ein Fertiggericht aus der Datenbank anklickt und in sein Tagebuch schiebt.

Weitere sechs Wochen später, und ich musste (aus medizinischen Gründen) etwas vorzeitig abstillen. Damit fällt die letzte "Ausrede" weg, sich nicht ernsthaft um eine Gewichtsreduktion zu bemühen. Tatsächlich habe ich bereits -seit dem Höchststand kurz vor der Niederkunft- fast 18 kg weniger. Ein guter Start also, um das Ganze nun gezielt anzugehen.

Die Kurve zeigt die Gewichtsentwicklung in der Schwangerschaft laut Mutterpass. Die Spitzen am Schluss waren m.E. hauptsächlich Wasser
Das fddb-Ernährungstagebuch führe ich nun wieder seit einer Woche. Mittelfristig wird mich das nerven, aber noch ist das Gefühl für Inhaltsstoffe (Eiweiß!) und Portionen einfach nicht gut genug, um allein intuitiv zu essen. Damit bin ich in den letzten vier Monaten zwar voran gekommen, aber ehrlich gesagt geht es mir noch zu langsam.  Trotzdem muss sich die ganze Sache in den Alltag mit Säugling integrieren lassen. Es ist kein Wettkampf - so lange die Richtung "bergab" ist, ist alles gut.

Folgende Faustregeln habe ich mir aufgestellt:
1. Eiweiß. Eiweiß, Eiweiß, Eiweiß. (ich hatte zwischen 80 und 250 g täglich, komme meist über 100g) Das kann noch besser werden. Vielleicht doch Shakes?
2. vor JEDER Mahlzeit ein Glas Wasser. (Kann nicht schaden. Ich trinke ohnehin zu wenig.)
3. Das Tagebuch sieht 6 Mahlzeiten vor - Frühstück, Mittag, Abendessen, sowie 3 Snacks. Das läuft mir gut rein, ich brauche regelmäßig Essen. Ziel: NUR zu diesen Zeiten tatsächlich essen. (Also vor allem Snacks bewusst gestalten als Snacktime und dann eben auch damit fertig sein.)
4. Maximal 80% des Solls essen, weniger ist erlaubt, mehr möglichst nicht. Das entspricht einem täglichen Defizit von etwa 500 kcal, wobei Aktivitäten noch nicht eingerechnet sind - die sind dann Bonus. (Ist mir bisher gelungen. Ich habe etwas über 5000 kcal eingespart.)
5. Wiegen ist optional. Wenn ich Kalorien einspare, nehme ich auch ab. Das muss ich nicht andauernd auf der Waage bestätigt sehen - oder mich ggf. durch Wassereinlagerung irritieren lassen. (Ich nehme Medikamente, die Wasser begünstigen.)

Bisher (wohlgemerkt: nach einer Woche) hatte ich nicht das Gefühl, auf etwas zu verzichten. Nur bewusster zu essen.
Bis Ende des Jahres sind es genau 12 Wochen, ab nächster Woche versuche ich zudem wieder, einmal pro Woche Sport zu machen. (Hoffentlich klappt das mit dem Babysitten.)
Wommadommasehn.

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:
Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.
Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.
Teil 3: Das Buch lesen.

Dienstag, 30. August 2016

Fettlogik überwinden. Teil 3: Das Buch lesen.



Irgendwann, als sich ein gewisser Rhythmus einzupendeln begann mit dem Säugling, seinem Bedürfnis nach Essen und Schlafen und meinem Bedürfnis nach Essen und Schlafen, fand ich endlich die Zeit und Ruhe, das Buch „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Hermann zu lesen und den tatsächlichen Inhalt mit meinen Erwartungen an den Inhalt abzugleichen.

Was steht denn nun drin im Buch? 
 In weiten Teilen tatsächlich das, was ich erwartet hatte. Fangen wir mit den formalen „Äußerlichkeiten“ an: Das Buch verrät seine Herkunft aus einem Blog recht deutlich, denn es besteht aus vielen teils sehr kurzen Kapiteln. Fast jedes dieser Kapitel widmet sich gezielt einer „Fettlogik“, also einer Vorstellung von den Wirkweisen der Ernährung, die im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung fest verankert ist und als Glaubenssatz rund um Diäten und Abnehmen fungiert. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Forschungsergebnisse, die einseitig interpretiert bzw. verkürzt oder sogar ganz falsch wiedergegeben wurden oder sonstwie missverstanden wurden/werden.
Nadja Hermanns großes Verdienst besteht darin, die ursprünglichen Studien zu dem jeweiligen Thema (Hungerstoffwechsel, Setpoint, keine Kohlehydrate nach 18 Uhr…) ausfindig gemacht und gelesen zu haben. Wie die ordentliche Wissenschaftlerin, die sie ist, hat sie also den Forschungsstand gesichtet, die Quellen untersucht und eingeordnet (wer hat so eine Studie eigentlich bezahlt), und vor allem die Methodik auf Herz und Nieren geprüft. Ist eine Studie mit der Teilnehmerzahl X überhaupt aussagekräftig? Was kann man über das tatsächliche Essverhalten sagen, wenn man die Teilnehmer*innen nur befragt, aber nicht beobachtet?
(Besonders schön hat sie diese akademische Arbeitsweise übrigens kürzlich noch einmal durchexerziert bei der Serie vonBlogposts über die „Biggest Loser“-Studie.
Dabei gelingt es ihr, die trockene Materie allgemeinverständlich aufzubereiten und mittels Beispielen, teils aus dem eigenen Leben, anschaulich zu erklären, ohne herablassend zu wirken ("wie kann man so blöd sein und so etwas glauben") - denn allzuoft hatte sie es ja selbst geglaubt, bzw. wider besseres Wissen nicht hinterfragt. Manchmal ist es ja auch sehr bequem, das Falsche zu glauben, denn wenn die Welt tatsächlich eine Scheibe wäre, ersparte man sich eine Menge anstrengender Tage auf See Richtung „Indien“… 

Den gefühlt größten Teil des Buches widmet Frau Hermann allerdings ernährungsbedingten (bzw. übergewichtsbedingten) Krankheiten. Hier war ich dann doch ein bisschen überrascht, WIE SCHÄDLICH schon wenige Extra-Pfunde für den Menschen sein können. Und selbst wer nicht an Diabetes, Herz-Kreislauf, Arthrose oder was auch immer erkrankt – es gibt sie ja, die fitten Dicken – lebt eben um einiges unbequemer. Denn, seien wir ehrlich, man kann sich ja an viele kleine Unannehmlichkeiten gewöhnen und damit einrichten, die einem erst auffallen, wenn sie wegfallen… Frau Hermann tut ihr Bestes, dass niemand sich mehr einreden kann, die Extrakilos störten nicht oder wären nicht so schlimm. Sie stören! (ich gebe es zu!) und sie sind eben offenbar viel schlimmer als gedacht (auch wenn man einen BMI von weniger als 40 hat). 

Was Nadja Hermann nicht tut, ist konkrete Hinweise auf eine „funktionierende“ Diät zu geben. „Fettlogik überwinden“ ist kein Diätratgeber. Sie macht klar, dass zum Abnehmen allein die Kalorienbilanz zählt, egal wie man diese erreicht. Wer also mit einem Energiebedarf von 2500 kcal. zum Frühstück, Mittag- und Abendessen jeweils eine Tafel Schokolade isst, und als Snack noch ein Snickers, wird (wahrscheinlich) ein Defizit haben und damit abnehmen. DASS EINE SOLCHE ERNÄHRUNG NICHT GESUND IST, setzt sie als bekannt voraus und empfiehlt es auch nirgendwo.
Wer aber wissen möchte, wie man sich gesund und ausgewogen ernährt, muss ein anderes Buch lesen oder eine Ernährungsberatung machen
Wohl betont sie, wie wichtig Eiweiß (=Proteine) sind, da es als einziger Ernährungsbaustein (Fett, Kohlehydrate, Eiweiß) vom Körper nicht synthetisiert werden kann. Kurz gesagt kann der Mensch aus Kohlehydraten Fett machen (einlagern) und umgekehrt, aber Eiweiß muss durch die Nahrung zugeführt werden. Wie man trotz Energiedefizit und Sport aufgrund von Eiweißmangel NICHT abnehmen kann, erklärt sie sehr gut. Irgendwo findet sich auch der Hinweis, dass man etwa 7000 kcal einsparen muss, um ein Kilo Fett abzunehmen – Gewichtsschwankungen, die unabhängig von diesem Defizit größer oder kleiner ausfallen sind so gut wie immer auf Wassereinlagerungen (oder eben „Auslagerungen“) zurückzuführen, z. B. durch Hormonschwankungen im Rahmen des weiblichen Zyklus.

Keine Antworten erhielt ich auf meine sehr konkreten Fragen bezüglich Umgang mit Essstörungen – aber das wäre vielleicht auch zu viel verlangt gewesen, denn das Buch ist wie gesagt kein Ratgeber und keine Anleitung, und auch für Menschen mit Essstörung gilt die Regel mit dem Energiedefizit. Auch die zugegebenermaßen gleichermaßen spezielle Frage nach Gewichtsabnahme in der Schwangerschaft und Stillzeit wurde nicht beantwortet. Ist es wirklich auch für Schwangere mit sehr hohem BMI schädlich, abzunehmen, solange kontrolliert und gesichert ist, dass alle essentiellen Nährstoffe zum Bau eines kleinen Menschen zur Verfügung stehen? Sicherlich ist Übergewicht nicht nur mühsam, sondern auch schädlich für Mutter und Baby? Es geht ja nicht nur um die Belastung der Gelenke, sondern auch um ein erhöhtes Diabetesrisiko und ggf. eine genetische Vorbelastung für das Kind.
Disclaimer: Ich selbst wog nach der Geburt faktisch etwa 6 kg weniger als zu Beginn der Schwangerschaft, allein weil ich mich viel gesünder ernährt habe (glücklicherweise richtete sich mein Heißhunger nicht auf Schokopudding mit Essiggurken, sondern auf viel Salat und Geflügel, dazu kam gegen Ende eine leichte Schwangerschaftsdiabetes mit den entsprechenden Ernährungsvorschriften).
Und was hat es auf sich mit den in die Fettzellen eingelagerten Schwermetallen, die bei einer Diät freigesetzt und in Muttermilch (oder gleich in Baby-Bausteine?) übergehen? Ist das wirklich so? und wenn ja, ist das wirklich in dem Ausmaße so, dass es schädlich wäre? und wenn ja, was ist schädlicher fürs Baby: eventuelle Schadstoffe, auch beim (natürlichen) Abnehmen dank Stillen, oder gar nicht Stillen? Antworten zu diesem Themenkomplex wären eine schöne Ergänzung für eine Neuauflage, denn ich bin sicherlich nicht die einzige Frau, die sich vor, während oder nach ihrer Schwangerschaft Gedanken um ihr Gewicht macht...
Ein letzter kleiner Kritikpunkt: ich persönlich finde den Begriff der "Fettlogik" etwas unglücklich. Offenbar stammt er aus einem englischsprachigen Forum zum Thema und erklärt sich aus diesem Kontext, aber es handelt sich eben nicht um Logik, noch nicht einmal um folgerichtig-logische Zusammenhänge innerhalb eines geschlossenen (Glaubens-)Systems, sondern um Halbwahrheiten, Mißverständnisse und Lügen rund um Ernährung. Ich störe mich an dem Wort, weil es zu euphemistisch mit diesen (Verständnis-)Fehlern umgeht und sie oberflächlich verharmlost. Aber hey, vielleicht bin das nur ich.
Habe ich es bereut, das Buch gelesen (und sogar gekauft) zu haben? Nein. Das Buch ist informativ, gut geschrieben und kann dank des enormen Anhangs den Einstieg in eigene "Forschung" und Bewertung des Themenkomplexes bieten. Selbst wenn man also wenig wirklich Neues erfahren haben sollte, so bekommt man einen guten Reader und ausgezeichnete Denkanstöße. 
Was fehlt mir noch? Außer den oben schon genannten Ernährungsmythen zu Schwangerschaft und Stillzeit (dass man nicht "für zwei" isst, wird behandelt!) hätte ich mir doch ein wenig mehr Information dazu gewünscht, wie Frau Hermann konkret vorgegangen ist - nicht so sehr im Sinne einer "so-müsst-ihr-das-auch-machen"-Anleitung, aber als Anregung. Vielleicht auch eine (vorsortierte) Sammlung (internetbasierter) Tools - Sportvideos bei youtube, fddb-Apps etc. (Ja ich könnte das selbst recherchieren, aber ich bin faul.) Vielleicht gibt es aber das how-to auch als Folgeband? Wer weiß... Zumindest räumt sie vielen "Fans"/Leser*inne*n auf ihrem Blog Platz ein, sodass man sich dort noch so manche zusätzliche Anregung holen kann. Und dann gibt es noch ein Forum...
Tja, und was mache ich jetzt mit dem Gelernten? Wenn ich etwas damit mache, ist es demnächst hier zu lesen...

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:

Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.
Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.

Dienstag, 23. August 2016

Fettlogik überwinden. Teil 2: Das Buch anschauen, aber noch nicht lesen, weil man ja eh weiß, was drin steht.

Das Buch "Fettlogik überwinden" von Dr. Nadja Hermann landete an dem Tag im Briefkasten, an dem ich ins Krankenhaus zur Entbindung fuhr.  
Das schien der passende Zeitpunkt, denn mein gefühlt "richtiges" Übergewicht (ich unterscheide hier nicht zwischen den Stufen "Übergewicht - adipös - schwer adipös etc) ging tatsächlich erst mit meiner ersten Schwangerschaft vor vier Jahren los. Zwar war ich auch vorher schon dick, aber erst mit den ü100 wurden mir die körperlichen Einschränkungen richtig bewusst bzw. begannen, sich wirklich störend auf meinen Alltag auszuwirken. Ab 100kg konnte ich wirklich gar keine Kleidung mehr in "normalen" Geschäften einkaufen. Für Unterwäsche wurde ich im Kaufhaus gleich an die Wühltische geschickt (wo es auch nur Schlüpfer bis Größe 48 gibt), als sei mein Geld noch wertloser als ich. Und wer mal "Umstandsmode Übergrößen" gegoogelt hat, stellt fest, dass auch hier das Angebot jenseits der 46 (plus Babybauch) sehr sehr dünn (ha!) ist. Auch die Sitze mit den Armlehnen in der Bahn oder im Kino erinnerten mich daran, dass ich die Norm sprengte.

Weil ich immer öfter unter Essattacken litt - nicht: Heißhunger durch die Schwangerschaft. Der kam extra - wandte ich mich an eine Psychologin, mit der Eigendiagnose "Binge Eating". Die empfahl mir ein Buch, nach dessen Lektüre ich genausoviel wusste wie vorher (ich glaube, ich leide an Binge Eating Attacken), und weigerte sich ansonsten, mir zu helfen. Denn wer schwanger ist, soll ja keine Diät machen, und beim Stillen nimmt man das alles ja ohnehin ganz schnell wieder ab.
Ich war schwanger, schrieb die Doktorarbeit fertig, reichte sie ein und fing wieder an, 200km zur Arbeit zu pendeln. Ich nahm weiter zu (schwanger), verteidigte die Diss bereits im Mutterschutz, bekam das Kind - und dann, völlig unerwartet, starb das Baby.
Um eine sehr lange, schwere Trauerphase in ein paar themenrelevante Sätze zu fassen - statt beim Stillen abzunehmen, aß ich Apfelkuchen. Und nahm zu. Auch die Binge-eating-Anfälle häuften sich. Ich begann eine Therapie mit insgesamt drei verschiedenen Therapeuten, die mir gut über die Trauer halfen, und auch die nahtlos folgende Depression konnte ich erstmal überwinden. Das Thema "Essen" stand aber aufgrund der "aktuellen" Probleme immer hintenan.
Zu Beginn der heißersehnten zweiten Schwangerschaft wog ich etwa 129 kg. Ich nahm mir vor, diesmal die Gewichtszunahme zu kontrollieren. Wer normalgewichtig schwanger wird, muss sich gewiss ein bisschen Fett bunkern um für das Zusammenbauen eines kleinen Menschen, die anstrengende Geburt und die zehrende Stillzeit gerüstet zu sein. Man futtert sich also 6-9 Monate an, was man beim Stillen in 6-12 Monaten wieder verbrauchen würde. Da ich dieses Polster schon angelegt hatte - und  es für Vierlinge gut reichen würde - wollte ich versuchen, mein Gewicht so lange wie möglich zu halten.
Die gute Nachricht ist: das ist mir auch gelungen! Psychisch ging es mir viel besser, die stressige Arbeit hatte ich gekündigt, sodass auch das Pendeln wegfiel - die Binge-Attacken gingen dadurch sehr stark zurück. Zudem war mir im ersten Trimens war mir gerade genug schlecht, um keine große Lust zum Essen zu haben. Im zweiten Trimens entwickelte ich Heißhunger auf Hühnchen und Salat. Erst im dritten Trimens nahm ich etwa 5-6kg zu, die größtenteils aus Wasser bestanden. Nach der Geburt eines (gesunden, wunderschönen) Babys wog ich noch etwa 123kg, hatte also während der Schwangerschaft faktisch sogar abgenommen, und hielt das Buch "Fettlogik überwinden" in der Hand.

Das war der unpassendste Zeitpunkt, denn ganz ehrlich, ich hatte gerade besseres zu tun, als zu lesen. Egal was. Zudem hieß es nun immer öfter, dass man in der Stillzeit nicht abnehmen soll (bzw. keine Abnehmdiät machen soll, denn man nimmt ja bei "normaler" Ernährung normalerweise durch den erhöhten Energiebedarf beim Stillen ab), um keine "alten" Fettzellen abzubauen, in denen allerlei Schadstoffe gelagert würden, die dann sofort in die Muttermilch wandern würden... Da stand ich nun: einerseitswürde ich gerne mit dem Kind spielen können, wenn es erstmal mobil wird. Zur Zeit wäre das körperlich sehr schwierig für mich. Andererseits will ich natürlich dem Kind nicht schaden, in dem ich ihm meine wohldeponierten alten Gifte in die Milch mische.
Ich verschob das Thema Abnehmen und konzentrierte mich auf die wirklich wichtigen Dinge: kuscheln und schlafen. Diät halten kann ich ja immer noch, und ich glaubte ja zu wissen, was in dem Buch stehen würde.

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:
Vorspiel: Mein dickes Ich.
Teil 1: Um das Buch herumlesen.

Samstag, 20. August 2016

Fettlogik überwinden. Teil 1: Um das Buch herumlesen.

Ich habe von "Fettlogik überwinden" in den sozialen Netzwerken gehört. Erst tauchte es in einem Blog auf, dann in einem anderen. Ich las Rezensionen, traf eine Freundin, die damit bereits erfolgreich abzunehmen begonnen hatte, und fing an, der Autorin auf Twitter zu folgen.

Eine ganze Weile las ich also um das eigentliche Buch herum, indem ich mich durch die Rezensionen und das Blog klickte. Schnell wurde mir klar: etwas wirklich Neues sagt Frau Hermann nicht. 
Wer abnehmen wolle, müsse weniger Kalorien zuführen als man verbrauche. 
Sport helfe - da er den Kalorienverbrauch und somit auch das erzielte Defizit steigert - sei aber nicht unbedingt nötig. (Bei sehr stark Übergewichtigen sei er unter Umständen vielleicht sogar schädlich - Gelenke werden sehr stark belastet, und Knochen zu wenig von Muskeln gestützt.) 
Nicht einmal besonders ausgewogen müsse man essen, solange die Kalorienbilanz negativ ausfalle - von 2 Tafeln Schokolade am Tag (und sonst nichts) nimmt man auch ab. (Wohlgemerkt: damit nimmt man ab - gesund ist das nicht. Aber das ist ein anderes Thema.)
Nichts davon schien mir neu, und ich wunderte mich daher ein bisschen über den Enthusiasmus einiger Fans. Diese fühlten sich häufig "befreit" oder hatten das Gefühl, die "Kontrolle" wiedererlangt zu haben, da sie nicht länger das Gefühl hatten, irgendwelchen Genen, dem "verdorbenen" Stoffwechsel oder ihrer Schilddrüse ausgeliefert zu sein. Denn dieses sind nur einige der weitverbreiteten "Fettlogiken" (= Ernährungsmythen), mit denen Nadja Herrmann aufräumt. 
Mich selbst riss das erstmal noch nicht vom Hocker, denn mein Problem sah ich eher woanders. Als emotionale Esserin sehe ich die Ursachen für mein Übergewicht nicht so sehr bei irgendwelchen Setpoints, als an meiner Unfähigkeit, in bestimmten Situationen (Stress, Trauer, noch unidentifizierte andere Trigger) NICHT zu essen. Bei WW nannte man das "Erfolgsfaktor: Kontrolle behalten" - und mir fehlt er.
 Zwar trage ich immer noch den 10%-Anhänger der WeightWatchers an meinem Schlüsselbund, der beweist, das Abnehmen mal funktioniert hat... Aber eben nur für kurze Zeit...Das muss dieser Jojo-Effekt gewesen sein. Ganz klar: Diäten machen dick! Oder doch nicht? Habe ich hier meine eigene Fettlogik, die mich vor der unangenehmen Wahrheit "schützt"- nämlich, dass ich an meinem Essverhalten etwas ändern muss? Zwei Jahre WW habem mir nämlich gezeigt, dass "du darfst alles essen, du musst dich nur "richtig" entscheiden" auf lange Sicht eben doch eine Einschränkung und Verzicht bedeuten. Wenn man sehr "routiniert" immer das gleiche ist, kennt man irgendwann die Punkte und kommt gut klar - aber spontan, abwechslungsreich selbst kochen, mit den Dingen, die einem auf dem Markt gerade in den Einkaufskorb springen, empfand ich als wahnsinnig aufwendig und mittelfristig genussfeindlich. Ist das mein Problem? Wollte ich den Pelz gewaschen bekommen, ohne nass zu werden?
Dazu kam, nachdem ich fast 2 Jahre lang jeden Bissen aufgeschrieben hatte, den ich mir in den Mund steckte, hing  mir zudem die von WW geforderte Kontrolle (beim Essen) nicht nur zum Halse heraus, ich hatte auch keine Energie mehr dafür. Arbeit, Pendeln, Doktorarbeit, Beziehung, später Trauer, immer wieder Depression - all diese Dinge verbrauchten meine ganze Kontroll-Energie - für Essenskontrolle blieb einfach nichts mehr übrig. (Tatsächlich gibt es Studien dazu, dass Willenskraft begrenzt ist und tatsächlich "ausgehen" kann.)
Wenn ich also innerlich aufgegeben hatte, daran zu glauben, jemals wieder mein Übergewicht zu verlieren, dann weil ich an meiner psychischen Fähigkeit zweifelte, eine Diät zu implementieren und durchzuhalten. Eine Neigung zu Depressionen, extreme Stubenhocker-Tendenzen, vorwiegend sitzende Hobbies (Lesen, Stricken etc), eine selbst-diagnostizierte Binge-Eating-Störung - kurzum, Ich selbst, mein Charakter und meine Psyche stünden einer Abnahme im Wege. Und die Schilddrüse ist vielleicht nicht schuld, macht es aber auch nicht einfacher.

Inwischen fragte ich mich aber immer öfter, ob "Fettlogik überwinden" für meine psychische Selbstdemontage auch eine Antwort hätte? die Autorin ist immerhin Psychologin und Psychotherapeutin. Im Blog konnte ich zu Depressionen und Essstörungen nicht viel finden. Daher habe ich Anfang Mai h einfach mal das Buch bestellt - 10 Euro sind ja nicht viel Geld. Man kann ja mal reinlesen, ganz unverbindlich. Und während der Schwangerschaft/Stillzeit soll ich ja ohnehin nichts machen...

Meine Auseinandersetzung mit dem Buch erfolgt gründlich und ausführlich und kann hier nachgelesen werden. Was bisher geschah:
Vorspiel: Mein dickes Ich.

Freitag, 19. August 2016

Fett(logik) überwinden. Vorspiel: Mein dickes Ich.

Das erste mal tauchte "Fettlogik überwinden" (Buch und gleichnamiger Blog von Nadja Hermann) in meiner Filterblase bereits im Februar auf - dann aber gleich drei mal in der gleichen Woche. Wenn ich erst heute, 6 Monate später, darüber schreibe, dann weil ich doch einiges an Anlauf nehmen musste, um mich mit meiner eigenen Fettlogik auseinanderzusetzen.
Denn ich war immer schon dick. Bei Nadja Hermann heißt es "dicke Identität". Als Kind habe ich mit 8 und 11 Jahren jeweils vier Wochen in der Kinderkur verbracht, um dort abzunehmen. Allerdings lag es schon damals eher nicht an Süßigkeiten oder zuckerhaltigen Getränken - gab es bei uns zu Hause gar nicht - sondern wohl eher an der Menge. Bei drei Geschwistern herrschte eben immer "Futterneid". Tatsächlich hat sich das alles gut verwachsen, und als ich Abi machte, war ich normalgewichtig - fühlte mich aber dick. Nicht zuletzt, weil meine Mutter mir das ständig suggeriert hat, dabei hatte ich zu diesem Zeitpunkt bloß "Kurven" - also breitere Hüften als Schultern - und war unsportlich, also vielleicht etwas "schwabbelig".
Meine eigentliche Diätkarriere- also selbstgewählt, aus einem Gefühl des Unwohlseins heraus - begann erst mit Mitte Zwanzig. Seitdem habe ich mir viel Wissen, Halbwissen und Unwissen zum Thema Ernährung angelesen. Meine Selbsteinschätzung ist und war: Eigentlich ernähre ich mich gut. Ich koche viel selbst, abwechslungsreich, fettarm und gesund. Obst und Gemüse, wenig Fleisch, regelmäßig Fisch. Natürlich falle ich auf die versteckten Zucker und Fette von industrialisiertem Essen herein, aber durch das viele selbst-frisch-Kochen hält sich das in Grenzen. Ich koche keine Saucen, trinke am Liebsten Wasser und Tee, habe jahrelang mein Müesli selbst gemischt. Aber. Ich esse gerne, besonders wenn es schmeckt -das heißt, meine Portionen sind wahrscheinlich häufig größer als nötig. Und ich bin ein emotionaler Esser - wenn es mir schlecht geht, esse ich. Wenn ich gestresst bin, esse ich. Ich belohne mich mit Essen und tröste mich damit. Und ich bin immer noch unsportlich.
Vor etwa 10 Jahren habe ich anderthalb oder zwei Jahre WeightWatchers gemacht. Ich habe damals etwa 15-20 kg abgenommen, mein niedrigstes Gewicht war wohl um die 75 kg. Dann kam ich nicht mehr weiter.
Als ich im Februar zum ersten Mal von "Fettlogik überwinden" hörte, stand ich bei grob 130 kg. Ich kann für jedes Pfund sagen, wann ich es mir angefressen habe. Immer gab es "gute Gründe" dafür, und obwohl ich oft über lange Phasen mein (Über-)Gewicht halten konnte, habe ich stetig zugelegt.
Das vielleicht-gar-nicht-so-merkwürdige daran ist, wie wenig ich das bemerkt habe. Möglicherweise, weil ich keinen Spiegel habe, in dem ich mich von Kopf bis Fuß sehen kann. Möglicherweise, weil es nicht sehr viele Fotos von mir gibt. Nicht mehr leugnen ließ es sich, als ich anfing, nicht mehr in bestimmten Stühlen sitzen zu können, weil die Armlehnen mich einengten - im Kino, in der Bahn, in Restaurants. Die Badewanne wurde eng  und enger. Irgendwann kam ich die Treppen nur noch hoch, wenn ich mich zugleich am Geländer hochzog - die Kraft in den Beinen reichte sonst nicht aus. Ich konnte mein Übergewicht auch vor mir selbst nicht mehr verheimlichen. Ich konnte aber - aus Gründen - damals auch nicht dagegen angehen. Also versuchte ich es mit "Bodypositivity" - wenn ich schon dick bin und weiß, dass ich aus Frust esse, muss ich den Frust nicht noch durch Selbsthass nähren. Zu dem Zeitpunkt war das auch die richtige Entscheidung - aber abgenommen habe ich davon auch nicht.
Und im Februar, als ich das Buch/den Blog entdeckte, ging das auch nicht, denn ich war im 6. Monat schwanger.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Amtshilfe.

Am Donnerstag war ich mit meinen Schützlingen auf dem Sozialamt. Anfang des Monats werden den Flüchtlingen ihre Sozialhilfeschecks ausgezahlt, und dementsprechend war es unaussprechlich voll auf dem Amt. Die Damen (ich habe nur einen Mann gesehen), die dort arbeiteten, behielten dennoch die Ruhe und eine erstaunlich freundliche Art. Wir haben etwa eine Stunde gebraucht, bis wir (ich) kapiert haben, dass man sich in einem Raum hätte anmelden sollen, ein Vorgang, der noch eine weitere halbe Stunde verbraucht hat.
Das hätte schneller gehen können, aber ich hatte mich auf die Information des Übersetzers verlassen, der bisher immer mitgegangen war  - er hatte mir einen genauen Termin und ein genaues Büro genannt, vor dessen Tür wir dementsprechend herumlungerten. Da aus allen anderen Bürotüren in regelmäßigen Abständen Menschen hervortraten und Personen aufriefen, habe ich erstmal geduldig gewartet. In dem Sinne bin ich vielleicht nicht die ideale Amtsbegleitung, denn ich warte auf Ämtern immer sehr geduldig und häufig zu lange, gerne auch vor der falschen Tür. Irgendwann wurde es mir aber doch zu bunt, und dann konnte ich immerhin auf Nachfragen erstens den Fehler verstehen und zweitens begreifen, was wir stattdessen tun sollten.
Irgendwann wurden wir dann doch aufgerufen und konnten zur großen und ehrlichen Freude der Mitarbeiterin die inzwischen organisierten Bankverbindungen für die Mädchen aufnehmen lassen. Zukünftig müssen sie diese Warterei also nicht mehr mitmachen - mit Anfahrt hat die ganze Aktion fast vier Stunden gekostet, an einem Schultag... (Die Mädchen nehmen nämlich neben meinem kleinen nachmittäglichen Privatunterricht auch an einem "richtigen" Deutsch-Grundkurs für Flüchtlinge teil.)

Und dann habe ich doch noch die Ellbogen ausgefahren, und mir rasch einen Notfall-Termin für einen jungen Mann aus Eritrea erkämpft, den wir nun auch unter unsere Fittiche genommen haben. Er ist ebenfalls schon seit August hier, hat aber bisher noch nicht einmal Taschengeld erhalten. Er war alleine angekommen und hat einen Großteil der Zeit schlafend auf dem Zimmer verbracht, ohne Kontakt zu anderen Eriträern und offenbar mit einer mittelschweren Depression kämpfend. Seitdem wir ihn "entdeckt" haben, ist er in ein anderes Wohnheim umgezogen, wo er näher an einer Gruppe aus Eritrea ist, die sich um ihn kümmern kann, hat eine "Aufenthaltsgestattung" (eine Art Ausweis)bekommen, hat sein rückständiges Taschengeld abgeholt, sodass er ein paar warme Kleidungsstücke besorgen konnte, und nun versuchen wir, ihn ins "System" einzuspeisen, damit er endlich, wie die anderen auch, seinen Asylantrag ausfüllen kann.
Morgen früh gehe ich mit ihm aufs Sozialamt und hoffe bloß, dass er alle notwendigen Papiere dabei hat. So kompliziert ich diese ganzen Amtstermine und Formulare schon finde, so rätselhaft ist es mir, wie die Flüchtlinge, die unbegleitet durch die Korridore irren sich zurechtfinden.

Übrigens kenne ich viele Menschen, die eigentlich gerne helfen würden, aber sich den Deutschunterricht nicht zutrauen oder auch keine Fremden in ihr Zuhause einladen wollen - Begleitung bei diesen Amtsgängen ist eine sehr hilfreiche Sache, die wirklich jeder leisten kann.
Nicht nur sind die Begleiteten froh, dass jemand sie bei der Hand nimmt, auch die Mitarbeiter freuen sich über deutsche Ansprechpartner*innen. Nicht aus irgendeinem institutionalisierten Rassismus heraus - obwohl es den sicher auch vereinzelt gibt - sondern weil die Kommunikation einfach schneller klappt. So konnte ich beispielsweise die Information, warum das Kindergeld für das kleine Baby fehlt und wie es nachgezahlt wird, viel schneller aufnehmen, und auch gleich noch einen formlosen Antrag für Winterschuhe schreiben (die Mädchen laufen immer noch ohne Socken in Ballerinas herum. Zwar finden sie es jetzt bei relativ milden 10°C schon kalt, aber was sollen sie erst sagen, wenn der "richtige" Winter einbricht? So warm wird es nicht bis März bleiben...). Ein formloser Antrag reicht tatsächlich völlig aus, aber bis die Mädchen den geschrieben hätten (oder verstanden hätten, worum es geht, wäre viel Zeit ins Land gegangen). So mussten sie nur schnell unterschreiben, und ich konnte später in Ruhe alles erklären (bzw. den Übersetzer ans Telefon holen und ihn übersetzten lassen), ohne dass dadurch der Verkehr in der Amtsstube aufgehalten worden wäre.
Also, für alle noch Unentschlossenen - wenn Ihr einen festen Vormittag/Tag pro Woche einbringen könnt - füllt mit Flüchtlingen Formulare aus, begleitet sie aufs Amt, unterstützt sie mit den Formalien.
Freut Euch darüber, wie völlig überlastete Angestellte ruhig und freundlich bleiben und dankt Ihnen mit freundlichen Worten.
Und freut Euch mit den Betreuten, dass sie wieder einen Schritt weitergekommen sind.