Sonntag, 6. Dezember 2015

Amtshilfe.

Am Donnerstag war ich mit meinen Schützlingen auf dem Sozialamt. Anfang des Monats werden den Flüchtlingen ihre Sozialhilfeschecks ausgezahlt, und dementsprechend war es unaussprechlich voll auf dem Amt. Die Damen (ich habe nur einen Mann gesehen), die dort arbeiteten, behielten dennoch die Ruhe und eine erstaunlich freundliche Art. Wir haben etwa eine Stunde gebraucht, bis wir (ich) kapiert haben, dass man sich in einem Raum hätte anmelden sollen, ein Vorgang, der noch eine weitere halbe Stunde verbraucht hat.
Das hätte schneller gehen können, aber ich hatte mich auf die Information des Übersetzers verlassen, der bisher immer mitgegangen war  - er hatte mir einen genauen Termin und ein genaues Büro genannt, vor dessen Tür wir dementsprechend herumlungerten. Da aus allen anderen Bürotüren in regelmäßigen Abständen Menschen hervortraten und Personen aufriefen, habe ich erstmal geduldig gewartet. In dem Sinne bin ich vielleicht nicht die ideale Amtsbegleitung, denn ich warte auf Ämtern immer sehr geduldig und häufig zu lange, gerne auch vor der falschen Tür. Irgendwann wurde es mir aber doch zu bunt, und dann konnte ich immerhin auf Nachfragen erstens den Fehler verstehen und zweitens begreifen, was wir stattdessen tun sollten.
Irgendwann wurden wir dann doch aufgerufen und konnten zur großen und ehrlichen Freude der Mitarbeiterin die inzwischen organisierten Bankverbindungen für die Mädchen aufnehmen lassen. Zukünftig müssen sie diese Warterei also nicht mehr mitmachen - mit Anfahrt hat die ganze Aktion fast vier Stunden gekostet, an einem Schultag... (Die Mädchen nehmen nämlich neben meinem kleinen nachmittäglichen Privatunterricht auch an einem "richtigen" Deutsch-Grundkurs für Flüchtlinge teil.)

Und dann habe ich doch noch die Ellbogen ausgefahren, und mir rasch einen Notfall-Termin für einen jungen Mann aus Eritrea erkämpft, den wir nun auch unter unsere Fittiche genommen haben. Er ist ebenfalls schon seit August hier, hat aber bisher noch nicht einmal Taschengeld erhalten. Er war alleine angekommen und hat einen Großteil der Zeit schlafend auf dem Zimmer verbracht, ohne Kontakt zu anderen Eriträern und offenbar mit einer mittelschweren Depression kämpfend. Seitdem wir ihn "entdeckt" haben, ist er in ein anderes Wohnheim umgezogen, wo er näher an einer Gruppe aus Eritrea ist, die sich um ihn kümmern kann, hat eine "Aufenthaltsgestattung" (eine Art Ausweis)bekommen, hat sein rückständiges Taschengeld abgeholt, sodass er ein paar warme Kleidungsstücke besorgen konnte, und nun versuchen wir, ihn ins "System" einzuspeisen, damit er endlich, wie die anderen auch, seinen Asylantrag ausfüllen kann.
Morgen früh gehe ich mit ihm aufs Sozialamt und hoffe bloß, dass er alle notwendigen Papiere dabei hat. So kompliziert ich diese ganzen Amtstermine und Formulare schon finde, so rätselhaft ist es mir, wie die Flüchtlinge, die unbegleitet durch die Korridore irren sich zurechtfinden.

Übrigens kenne ich viele Menschen, die eigentlich gerne helfen würden, aber sich den Deutschunterricht nicht zutrauen oder auch keine Fremden in ihr Zuhause einladen wollen - Begleitung bei diesen Amtsgängen ist eine sehr hilfreiche Sache, die wirklich jeder leisten kann.
Nicht nur sind die Begleiteten froh, dass jemand sie bei der Hand nimmt, auch die Mitarbeiter freuen sich über deutsche Ansprechpartner*innen. Nicht aus irgendeinem institutionalisierten Rassismus heraus - obwohl es den sicher auch vereinzelt gibt - sondern weil die Kommunikation einfach schneller klappt. So konnte ich beispielsweise die Information, warum das Kindergeld für das kleine Baby fehlt und wie es nachgezahlt wird, viel schneller aufnehmen, und auch gleich noch einen formlosen Antrag für Winterschuhe schreiben (die Mädchen laufen immer noch ohne Socken in Ballerinas herum. Zwar finden sie es jetzt bei relativ milden 10°C schon kalt, aber was sollen sie erst sagen, wenn der "richtige" Winter einbricht? So warm wird es nicht bis März bleiben...). Ein formloser Antrag reicht tatsächlich völlig aus, aber bis die Mädchen den geschrieben hätten (oder verstanden hätten, worum es geht, wäre viel Zeit ins Land gegangen). So mussten sie nur schnell unterschreiben, und ich konnte später in Ruhe alles erklären (bzw. den Übersetzer ans Telefon holen und ihn übersetzten lassen), ohne dass dadurch der Verkehr in der Amtsstube aufgehalten worden wäre.
Also, für alle noch Unentschlossenen - wenn Ihr einen festen Vormittag/Tag pro Woche einbringen könnt - füllt mit Flüchtlingen Formulare aus, begleitet sie aufs Amt, unterstützt sie mit den Formalien.
Freut Euch darüber, wie völlig überlastete Angestellte ruhig und freundlich bleiben und dankt Ihnen mit freundlichen Worten.
Und freut Euch mit den Betreuten, dass sie wieder einen Schritt weitergekommen sind.

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